„Nimm dich in Acht und denk nicht bei dir: Ich habe mir diesen Reichtum aus eigener Kraft und mit eigener Hand erworben.“ (5. Mose 8, 17)

An einem Sonntag im September, da fuhr der Raddampfer „Ludwig Fessler“ langsam und würdig über den Chiemsee und auf dem Schiff, da gab es einiges zu sehen: orthodoxe Priester mit schwarzen Hüten, katholische und evangelische Geistliche in weißen Alben, Priestergewändern, schwarzen Talaren, manche mit bunten Stolen, Musikerinnen und Musiker, und noch viele Andere. An der Fraueninsel stiegen auch die Nonnen des Klosters Frauenwörth zu. Eine ökumenische Seewallfahrt bewegte sich über den See, wie es sie hier in dieser Form vorher noch nicht gegeben hatte. Es war ein feierliches Ereignis, fast könnte man sagen, es war eine RiesenShow: Für Auge und Ohr war vieles geboten: Evangelischer Posaunenchor, katholischer Kirchenchor, Jugendchor und griechisch-orthodoxe liturgische Gesänge – das Programm war so vielfältig wie der Himmel an diesem Tag: erst graue Wolken, auch etwas Regen, dann Sonnenschein und weiße Wolken am hellblauen Himmel. Der Blick in jede Himmelsrichtung bot eine andere Kulisse, und am Ende dieser Seewallfahrt erschien sogar ein Regenbogen – als ob der Himmel Regie geführt hätte. Ja, es war eine Show, und es war mehr als das. Es war ein Nachmittag des Betens und Singens, ein Dank für den See, für die prächtige Schöpfung, eine Bitte um den Segen für diese Welt, und eine Erinnerung an uns Menschen: „Nimm dich in Acht und denk nicht bei dir: Ich habe mir diesen Reichtum aus eigener Kraft und mit eigener Hand erworben.“ Ein Gedanke, der auch die Erntedank-Gottesdienste trägt, die nicht lange danach in den Kirchen gefeiert wurden.

Ende Oktober dann ein Höhepunkt für viele evangelische Kirchengemeinden auf dieser Erde: Reformationsfest! Wir haben ökumenisch gefeiert, nach dem gesucht, was uns verbindet, statt nach dem, was uns trennt. Nein, wir wollen nicht einfach über die Unterschiede hinwegsehen. Aber wir wollen uns austauschen, die Vielfalt, die Differenzen und die Gemeinsamkeiten bedenken, und dann vor allem in guter Verbundenheit zusammen Gottesdienste feiern, und uns auch dabei wieder erinnern: „Nimm dich in Acht und denk nicht bei dir: Ich habe mir diesen Reichtum aus eigener Kraft und mit eigener Hand erworben.“ Wir Menschen sind nicht selbst die Schöpfer unserer Welt, und schon gar nicht unseres Seelenheils: Alles ein großes Geschenk! Alles Gnade! Alles gratis!

Daraus entsteht dann die schwierige Frage: Wie ist es mit der  menschlichen Verantwortung? Unsere Welt ist kein Ressourcenlager, aus dem wir Menschen uns rücksichtslos bedienen können. Wo kann und muss der Mensch gestalten, und wo ist seine Grenze? Wie gelingt die richtige Balance? Wo beginnt die Selbstüberschätzung? Aber wo unterschätze ich mich vielleicht auch? Ich kann nicht die Welt retten, aber ich habe meinen Beitrag in der Welt zu leisten. Wo packe ich mit an? Wo lasse ich los? Was nehme ich selbst in die Hand? Was lege ich in Gottes Hände? Und wann stelle ich fest, dass beides eng zusammengehört?

Nun geht das Kirchenjahr und damit das Jubiläumsjahr der Reformation zu Ende. Was nehmen Sie mit ins neue Kirchenjahr? Was lassen Sie zurück? Von was, von wem mussten Sie sich verabschieden?

Bald beginnt der Advent, das Warten auf das Neugeborene, auf  uneingeschränkten Lebenswillen, auf Wunder und auf Geschenke – auf kleine Päckchen genauso wie auf unbezahlbare Gaben. Und wieder erinnern wir uns: „Nimm dich in Acht und denk nicht bei dir: Ich habe mir diesen Reichtum aus eigener Kraft und mit eigener Hand erworben.“

Diese uralten Worte aus dem fünften Buch Mose können so vieles sein: Ein Hinweis darauf, achtsam zu bleiben für die Umwelt, für die Menschen, die uns am Herzen liegen, und für uns selbst. Außerdem eine Erinnerung an die Dankbarkeit, die wir in unseren Herzen tragen. Und sie sagen uns, dass wir letztendlich angewiesene Geschöpfe sind und dass am Ende nichts in unserer Hand liegt. Diese Erinnerung kann eine Hilfe sein, loszulassen, vielleicht sogar ein tiefer Trost.

Ich wünsche Ihnen viel Segen, Ihre Pfarrerin Hannah v. Schroeders